Leben verändern ab 50, wenn Kündigen keine Option ist

Bild: KI-generiert

Sonntag, 20.33 Uhr

Sonntag, 20.33 Uhr. Die Arbeitstasche steht schon im Flur, der Schlüssel liegt daneben und auf dem Handy ist noch einmal kurz der Kalender für Montag geöffnet. Um neun die erste Besprechung, danach ein Termin, mittags wahrscheinlich irgendetwas zwischen Schreibtisch und nächstem Telefonat.

Eigentlich alles wie immer.

Und genau das kann manchmal der Punkt sein.

Denn während der Sonntag langsam zu Ende geht, taucht plötzlich dieser Gedanke auf: Will ich eigentlich, dass meine nächsten zehn oder fünfzehn Jahre genauso aussehen?

Nicht unbedingt, weil der Job schlecht wäre. Man kennt seine Aufgaben, weiß, wie der Laden läuft, hat nette Kollegen und am Monatsende kommt zuverlässig das Gehalt. Das ist schließlich auch etwas wert.

Kündigen? Nein.

Allein bei dem Gedanken meldet sich schon der vernünftige Teil im Kopf. Miete oder Kredit, Versicherungen, Urlaub, Rücklagen und irgendwann die Rente. Von Luft und guten Ideen bezahlt sich bekanntlich noch keine Stromrechnung.

Also bleibt der Job.

Nur der Gedanke bleibt eben auch.

Wenn der Job bleiben soll – aber nicht alles andere

Bei Veränderung denken wir erstaunlich schnell in großen Bildern. Neuer Beruf. Neue Stadt. Kündigung. Vielleicht noch ein Wohnmobil vor der Tür, dann wäre das Klischee komplett.

Das wirkliche Leben sieht meistens weniger fotogen aus.

Wer mit über 50 sein Leben verändern möchte, hat häufig längst etwas aufgebaut, das nicht einfach vom Tisch gewischt werden soll. Ein regelmäßiges Einkommen gehört dazu. Vielleicht auch ein Beruf, den man grundsätzlich noch gerne macht. Und nicht zuletzt das beruhigende Gefühl, dass am Monatsende ziemlich genau bekannt ist, was auf dem Konto landet.

Das bedeutet aber nicht automatisch, dass deshalb auch die nächsten Jahre unverändert weiterlaufen müssen.

Vielleicht ist genau diese Unterscheidung hilfreich: Muss wirklich der Job weg – oder soll im eigenen Leben etwas dazukommen, das bisher fehlt?

Das ist eine andere Frage.

Manchmal geht es um mehr freie Zeit. Manchmal um eine Tätigkeit, bei der wieder Neugier aufkommt. Vielleicht möchte man etwas lernen, das mit dem bisherigen Beruf überhaupt nichts zu tun hat. Oder da schlummert schon länger eine Idee, bei der man sich immer wieder ertappt: Das würde ich eigentlich gern einmal ausprobieren.

Dafür muss am Montagmorgen noch niemand seine Kündigung auf den Schreibtisch legen.

Was sich verändern lässt, während das Gehalt weiterläuft

Der Vorteil eines bestehenden Jobs wird bei solchen Gedanken leicht übersehen: Er kann nicht nur das sein, wovon man wegmöchte. Er kann auch die Sicherheit sein, aus der heraus man etwas Neues ausprobiert.

Das verändert die Ausgangslage erheblich.

Wer nicht sofort mit einer neuen Idee Geld verdienen muss, darf erst einmal herausfinden, ob sie überhaupt trägt. Ein Kurs kann interessant klingen und nach drei Abenden trotzdem nicht das Richtige sein. Eine Tätigkeit, die von außen wunderbar flexibel aussieht, kann sich beim näheren Hinsehen als ziemlich langweilig entpuppen. Und aus einem unscheinbaren Interesse kann plötzlich etwas werden, bei dem man nach zwei Stunden erstaunt auf die Uhr schaut.

Solche Dinge findet man selten heraus, indem man monatelang darüber nachdenkt.

Man findet sie heraus, indem man sie ausprobiert.

Das kann ganz unterschiedlich aussehen. Vielleicht besucht man eine Weiterbildung, verändert Aufgaben im bestehenden Beruf oder informiert sich über eine Tätigkeit, die man bisher nur vom Hörensagen kennt. Vielleicht nimmt man sich einen Samstagvormittag und beschäftigt sich endlich mit dieser Idee, die seit Monaten im Notizbuch steht.

Und ja, auch digitale Möglichkeiten können dazugehören.

Man kann ausprobieren, wie eine eigene kleine Website funktioniert. Sich anschauen, was sich mit Canva gestalten lässt. ChatGPT nicht nur vom Namen kennen, sondern einmal für ein eigenes Thema nutzen. Herausfinden, wie ein Blog entsteht, was ein digitales Produkt eigentlich ist oder welche Dienstleistungen heute von zu Hause aus angeboten werden können.

Nicht alles davon wird passen.

Das ist sogar ziemlich wahrscheinlich.

Aber genau darin liegt ein Unterschied zwischen Suchen und Entscheiden. Wer etwas ausprobiert, muss daraus noch keinen neuen Beruf machen.

Eine Stunde am Mittwochabend ist noch kein Businessplan.

Zum Glück.

Frau um die 55 geht nach Feierabend mit Arbeitstasche und Kaffee durch die Stadt und ist auf dem Weg zu einem neuen Termin.

Bild: KI-generiert

Erst ausprobieren – dann bekommt eine Entscheidung Konturen

Vielleicht ist die schwierigste Frage deshalb zunächst gar nicht: Was soll ich stattdessen machen?

Sie ist viel kleiner.

Was möchte ich in den nächsten vier Wochen einmal ernsthaft ausprobieren?

Nicht nur speichern. Nicht noch drei Videos darüber anschauen. Nicht beim Abendessen erzählen, dass man sich „damit irgendwann mal beschäftigen müsste“.

Ausprobieren.

Das kann bedeuten, einen Einführungskurs zu buchen, mit jemandem aus einem anderen Beruf zu sprechen oder zwei Stunden für eine eigene Idee zu reservieren. Wer sich für digitale Möglichkeiten interessiert, könnte in dieser Zeit beispielsweise eine erste Seite gestalten, einen kleinen Text veröffentlichen oder herausfinden, welches eigene Wissen sich überhaupt für ein digitales Projekt eignen würde.

Dabei kann etwas sehr Beruhigendes passieren: Aus einem großen, etwas diffusen Gedanken werden kleinere Fragen.

Gefällt mir das überhaupt?

Möchte ich mehr darüber wissen?

Kann ich mir vorstellen, dafür regelmäßig Zeit einzuplanen?

Und erst danach kommt die Frage, ob daraus irgendwann mehr werden könnte.

Das ist weniger spektakulär als „Mit 52 habe ich mein komplettes Leben verändert“. Aber vermutlich näher an dem, wie Veränderung bei den meisten tatsächlich beginnt.

Vor allem nimmt es einer Entscheidung etwas von ihrem Gewicht. Man muss nicht heute wissen, was man in fünf Jahren machen möchte. Aber man kann nach einigen Wochen ziemlich gut wissen, womit man sich nicht weiter beschäftigen möchte.

Auch das ist Fortschritt.

Und manchmal bleibt tatsächlich etwas hängen.

Ein Thema, zu dem man immer wieder zurückkehrt. Eine Fähigkeit, die überraschend viel Spaß macht. Eine kleine Idee, die nach dem ersten Ausprobieren nicht kleiner, sondern interessanter geworden ist.

Dann kann man weitersehen.

Mit dem sicheren Einkommen im Rücken und mit wesentlich mehr Wissen darüber, was man eigentlich möchte.

Am Montagmorgen steht die Arbeitstasche immer noch im Flur.

Man nimmt sie, fährt zur Arbeit und der Tag beginnt vermutlich ziemlich genau so wie viele Montage davor.

Nur im Kalender sieht es ein kleines bisschen anders aus.

Mittwoch, 19 Uhr: eine Stunde für die eigene Idee.

Mehr muss sich an diesem Montag noch gar nicht verändert haben.


Vielleicht kennst du diesen Punkt: Du möchtest etwas verändern, ohne gleich dein ganzes bisheriges Leben auf den Kopf zu stellen. Vielleicht reicht es für den Anfang, sich einmal anzuschauen, welche Möglichkeiten es heute überhaupt gibt.

Vier Frauen um die 50 arbeiten gemeinsam an einem Tisch, tauschen Ideen aus und probieren bei einem Workshop etwas Neues aus.

Bild: KI-generiert

Ich bin Biggi

Mit über 50 wurde die Frage nach später für mich konkreter. Ich arbeite weiterhin ganz normal in meinem Job, aber bei der Rente ist mir ein „wird schon reichen“ inzwischen zu wenig.

Seit 2023 probiere ich nebenbei digitale Möglichkeiten aus, teste Ideen und schaue, was sich neben Job und Alltag wirklich umsetzen lässt.

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