Der freie Freitag klingt plötzlich erstaunlich verlockend
Vor ein paar Tagen erzählte eine Kollegin, dass sie ab Herbst ihre Arbeitszeit reduzieren möchte. Vier Tage statt fünf. Freitags frei.
Sie sagte es ganz beiläufig, während sie ihren Kaffee umrührte und nach dem Löffel suchte, der direkt vor ihr lag. Offenbar war sie mit den Gedanken schon ein gutes Stück weiter als wir anderen.
Früher hätte ich wahrscheinlich zuerst an das fehlende Gehalt gedacht. An die Aufgaben, die trotzdem erledigt werden müssen. An die Frage, ob sich das organisatorisch überhaupt rechnet. Dieses Mal dachte ich nur:
Freitag frei. Wie gut klingt das denn?
Nicht, um endlich den Keller auszumisten oder alle Arzttermine des Jahres auf einen Tag zu legen. Auch nicht, um mir ein besonders produktives Hobby zuzulegen. Einfach ein Tag, der nicht schon am Vorabend mit Wecker, Brotdose und dem üblichen Gedanken beginnt, dass man morgen besser etwas früher losfährt.
Das hat mich selbst überrascht. Denn ich mag meine Arbeit durchaus. Ich kann sie gut, kenne die Abläufe und muss nicht mehr wegen jeder E-Mail innerlich eine Krisensitzung einberufen. Trotzdem war der Gedanke sofort da: Vielleicht möchte ich künftig einfach weniger davon.
Es liegt nicht daran, dass man den Job nicht mehr schafft
Das ist vermutlich der Punkt, der sich schwer erklären lässt. Wer seine Arbeitszeit reduzieren möchte, wird schnell gefragt, ob es zu viel geworden ist.
Zu viel Stress?
Zu viele Aufgaben?
Zu anstrengend?
Manchmal ist die Antwort tatsächlich ja. Aber manchmal ist sie viel unspektakulärer: Man schafft es noch. Man möchte nur nicht mehr die meiste Energie dafür reservieren.
Das ist ein Unterschied.
Mit über 50 hat man im Job oft einiges gesehen. Neue Vorgesetzte, alte Programme, neue Programme, die angeblich alles einfacher machen und dann drei zusätzliche Passwörter benötigen. Man kennt Besprechungen, deren Ergebnis bereits vor Beginn feststand, und E-Mails, die mit „nur ganz kurz“ anfangen und überraschend selten kurz bleiben.
Man kommt damit zurecht. Erfahrung hilft. Sie sorgt dafür, dass vieles schneller geht und manches nicht mehr so wichtig genommen wird.
Aber Erfahrung macht aus fünf Arbeitstagen keine drei.
Am Donnerstagabend bleibt es Donnerstagabend, selbst wenn man besonders souverän aufgetreten ist. Und wenn der Kopf nach einem vollen Tag noch bei Zahlen, Gesprächen oder offenen Aufgaben hängt, interessiert es den Wäschekorb herzlich wenig, wie professionell man das alles gemeistert hat.
Vielleicht geht es deshalb gar nicht darum, ob man noch leistungsfähig ist. Vielleicht geht es um die Frage, wie viel vom eigenen Leben dauerhaft für Arbeit vorgesehen sein soll.

Früher war berufliches Weiterkommen wichtiger als ein freier Nachmittag
Es gab Zeiten, da klang eine neue Aufgabe interessant. Mehr Verantwortung auch. Man freute sich, wenn jemand sagte: „Das traue ich dir zu.“
Heute freue ich mich ebenfalls über Anerkennung. Nur nicht mehr automatisch über alles, was danach kommt.
Denn häufig folgt auf „Das traue ich dir zu“ ein weiterer Termin im Kalender, eine zusätzliche Zuständigkeit und die Aussicht, künftig auch für Dinge angerufen zu werden, die vorher sehr gut ohne einen funktioniert haben.
Früher hätte ich vermutlich zugesagt und später überlegt, wie ich das noch unterbringe. Heute denke ich zuerst darüber nach, was dafür wegfallen müsste. Meist fällt natürlich nichts weg. Aufgaben haben bekanntlich die unangenehme Eigenschaft, sich eher zu vermehren als höflich Platz zu machen.
Ein freier Nachmittag fühlt sich inzwischen oft reizvoller an als die nächste zusätzliche Aufgabe. Nicht, weil Ehrgeiz plötzlich verschwunden wäre. Er hat nur Konkurrenz bekommen.
Zeit zum Beispiel.
Zeit für einen Termin, ohne ihn zwischen zwei Arbeitstage zu quetschen. Zeit, um an einem Mittwochvormittag durch die Stadt zu gehen und festzustellen, dass dort tatsächlich Menschen unterwegs sind, die nicht alle Urlaub haben. Zeit für einen Kaffee, der heiß getrunken wird und nicht irgendwann zwischen Telefon und Bildschirm vergessen auf dem Schreibtisch steht.
Das klingt nicht spektakulär. Genau deshalb ist es wahrscheinlich so verlockend.
Weniger arbeiten heißt nicht, sich aus allem zurückzuziehen
Der Wunsch nach weniger Arbeitszeit wird schnell so behandelt, als wolle man sich langsam aus dem Leben verabschieden. Dabei ist oft das Gegenteil der Fall.
Man möchte nicht weniger vom Leben. Man möchte nur weniger Zeit damit verbringen, die Woche bis zum Wochenende durchzutakten.
Vielleicht würde ein freier Freitag nicht automatisch alles verändern. Wahrscheinlich würde man anfangs trotzdem Wäsche waschen, einkaufen und irgendeinen Termin annehmen, weil er „freitags so gut passt“. Freie Tage müssen sich ihre Freiheit schließlich auch erst erarbeiten.
Aber allein die Vorstellung, dass Arbeit nicht mehr jeden Werktag vollständig besetzt, verändert etwas.
Es entsteht Platz.
Nicht zwingend für ein großes neues Vorhaben. Vielleicht erstmal nur für einen Morgen ohne Wecker. Für einen Spaziergang, bei dem man nicht ständig auf die Uhr schaut. Für ein Buch am Nachmittag oder für dieses seltene Vergnügen, im Garten zu sitzen, obwohl irgendwo garantiert etwas getan werden könnte.
Und möglicherweise kommt später noch etwas anderes dazu. Eine Idee, die bisher keinen Raum hatte. Ein Thema, das wieder interessant wird. Oder einfach die Erkenntnis, dass man nicht bis zur völligen Erschöpfung warten muss, bevor man über weniger Arbeit nachdenken darf.
Vielleicht ist Zeit heute die interessantere Form von Erfolg
Ich weiß nicht, ob ich tatsächlich bald meine Arbeitszeit reduzieren werde. Solche Entscheidungen bestehen schließlich nicht nur aus schönen Freitagsfantasien. Da gibt es Geld, Verträge, Rentenpunkte und vermutlich Formulare, die aussehen, als seien sie bewusst gegen spontane Begeisterung entwickelt worden.
Aber der Gedanke ist da.
Und er fühlt sich nicht nach Aufgeben an.
Eher nach einer neuen Rechnung: Was ist mir ein zusätzlicher freier Tag wert? Nicht nur finanziell, sondern im Alltag. In Energie. In Lebenszeit.
Früher hätte ich Erfolg vielleicht daran gemessen, was beruflich noch dazukommt. Heute denke ich häufiger darüber nach, was dafür nicht mehr jeden Tag stattfinden muss.
Vielleicht möchte ich gar nicht weniger leisten.
Vielleicht möchte ich nur, dass Arbeit wieder ein Teil meines Lebens ist – und nicht die große Überschrift über fast jede Woche.
Der Freitag meiner Kollegin beginnt übrigens erst im Herbst.
Ich ertappe mich trotzdem schon jetzt dabei, ein kleines bisschen neidisch auf ihn zu sein.
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Für Frauen, die nicht auf die Rente warten wollen, um etwas zu verändern – sondern schon heute ehrlicher auf ihr Leben, ihre Zeit und ihre Möglichkeiten schauen möchten.
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