Dinge, auf die ich heute einfach keine Lust mehr habe

Diese kleine innere Liste, die plötzlich auftaucht

Neulich stand ich in der Küche und dachte schon wieder drei Dinge gleichzeitig. Dass ich noch einkaufen müsste. Dass ich morgen im Job besser etwas früher losfahre. Und dass ich auf diese eine Nachricht eigentlich auch noch antworten sollte, obwohl mir in dem Moment beim besten Willen nichts Kluges dazu einfiel.

Es war kein besonderer Tag. Kein schlechter. Eher einer von der Sorte, die einfach durchlaufen. Arbeit, Kleinigkeiten, Termine, nebenbei dies, zwischendurch das. Man kennt solche Tage. Sie haben nichts Spektakuläres, sind aber trotzdem erstaunlich voll.

Und mitten in so einem Moment tauchte auf einmal eine ganz andere Liste auf. Nicht die übliche mit Dingen, die noch erledigt werden müssen. Sondern eine mit Dingen, auf die ich heute einfach keine Lust mehr habe.

Das Erstaunliche daran war weniger der Inhalt. Eher die Tatsache, dass ich diesen Gedanken früher wahrscheinlich gar nicht groß beachtet hätte. Man machte eben, was anlag. Möglichst freundlich, möglichst verlässlich und am besten ohne viel Aufhebens.

Heute merke ich schneller, wenn mir etwas gegen den Strich geht. Nicht aus schlechter Laune. Eher aus Erfahrung.

Freundlich mitlaufen kostet manchmal mehr Kraft, als man denkt

Es sind oft gar nicht die großen Dinge. Eher diese Situationen, in denen man ganz automatisch mitläuft, obwohl innerlich längst klar ist, dass es einen eher Kraft kostet als Freude macht.

Diese Verabredungen zum Beispiel, bei denen man schon beim Eintragen in den Kalender ahnt, dass man an dem Abend eigentlich lieber zuhause wäre. Oder Gespräche, in denen man aufmerksam schaut, nickt und an den richtigen Stellen „ach ja“ sagt, während man gedanklich längst beim Abendessen oder bei der Frage ist, ob noch genug Kaffee im Haus ist.

Früher war man darin geübter. Im Job sowieso. Aber auch sonst. Man sagte zu, man zog durch, man blieb höflich. Nicht, weil alles furchtbar gewesen wäre. Sondern weil es normal war. Weil man sich selbst nicht so wichtig nehmen wollte. Weil man eben funktioniert hat.

Mit der Zeit ändert sich da etwas. Man spürt schneller, wann etwas nur noch Gewohnheit ist. Und man merkt auch, wie anstrengend es werden kann, ständig gute Miene zu Dingen zu machen, die man eigentlich gar nicht mehr braucht.

Freie Zeit muss nicht sofort wieder verplant werden

Worauf ich auch immer weniger Lust habe: jeden freien Fleck im Tag sofort sinnvoll zu füllen.

Kaum entsteht irgendwo ein bisschen Luft, meldet sich ja oft schon dieser alte Reflex. Dann könnte man doch noch schnell dies. Oder endlich mal das. Oder wenigstens kurz etwas erledigen, damit man den Nachmittag nicht „verplempert“.

Dieses Denken sitzt tief. Wahrscheinlich, weil viele von uns lange genug damit beschäftigt waren, alles irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Da lernt man ziemlich schnell, dass freie Zeit etwas ist, das man nutzen sollte.

Inzwischen sehe ich das anders. Nur weil man etwas noch unterbringen könnte, heißt das nicht, dass man es auch tun muss. Es ist ein erstaunlich angenehmer Gedanke, sich nicht sofort selbst neue Aufgaben zuzuschieben, nur weil gerade irgendwo eine Lücke auftaucht.

Vielleicht ist genau das einer der Unterschiede mit über 50: Man weiß besser, was einen leer macht. Und man hat weniger Lust, sich ständig selbst zu überreden.

frau über 50 kommt nach der arbeit nach hause und legt im flur ihre schlüssel ab

Auch im Job wird manches schneller durchschaubar

Das gilt übrigens nicht nur für den Alltag zuhause. Im Job fällt einem manches irgendwann genauso auf.

Diese zusätzlichen Schleifen zum Beispiel, die niemand braucht und die trotzdem immer wieder gedreht werden. Besprechungen, bei denen nach zehn Minuten ziemlich klar ist, dass ein einziger vernünftiger Satz gereicht hätte. Oder Diskussionen, die länger dauern als das eigentliche Thema.

Früher hat man das eher hingenommen. Heute sitzt man manchmal da und denkt: Interessant, wie viel Zeit man mit Dingen verbringen kann, die gar nicht so wichtig sind, wie sie gerade tun.

Vielleicht ist das kein Widerstand. Vielleicht ist es einfach der Punkt, an dem Erfahrung sich bemerkbar macht. Man erkennt schneller, was Substanz hat und was vor allem gut beschäftigt aussieht.

Und ehrlich gesagt ist das im Alltag nicht anders.

Es wird nicht alles anders, aber manches fällt einfach weg

Ich meine damit keine große Verweigerung und auch keinen feierlichen Neuanfang. Es geht nicht darum, plötzlich alles abzulehnen, was einen langweilt. So funktioniert das Leben ja nicht.

Aber manches sortiert sich mit der Zeit einfach anders.

Kleidung, in der man zwar ordentlich aussieht, sich aber ab dem ersten Sitzen fragt, warum man sie angezogen hat. Abende, an denen man nur noch aus Höflichkeit bleibt. Menschen, die aus jeder Kleinigkeit ein Ereignis machen, obwohl man selbst eigentlich nur kurz Milch holen wollte. Sätze wie „Ach, das ist doch kein Aufwand“, wenn natürlich jeder weiß, dass es Aufwand ist.

Auf all das habe ich heute deutlich weniger Lust als früher.

Und vielleicht ist das gar nichts Negatives. Vielleicht ist es einfach angenehm, nicht mehr alles mit derselben Bereitschaft mitzunehmen. Man muss nicht überall dabeibleiben, nur weil man es immer so gemacht hat. Man darf unterscheiden. Zwischen nett gemeint und wirklich gewollt. Zwischen mache ich noch und lasse ich heute lieber.

Manchmal steht man dann in der Küche, schaut auf seinen ganz normalen Tag und merkt, dass diese kleine innere Liste gar nichts Unfreundliches hat.

Sie ist einfach nur überfällig.


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